Hilfeleistungskontingent - Übung 2019
In Katastrophenfällen, insbesondere beispielsweise bei großflächigen Hochwasser-, Extremwetter- oder Waldbrandlagen, können die Katastrophenschutzbehörden betroffener Städte oder Landkreise Hilfeleistungskontingente aus anderen Bereichen des Freistaats oder Deutschlands zur Unterstützung der örtlichen Kräfte anfordern. Mit Wirkung vom 9.Juli 2018 wurde hierzu die Neufassung der „Planungsrichtlinie für die Aufstellung von Feuerwehr-Hilfeleistungskontingenten zur überregionalen bzw. länder- oder staatenübergreifenden Katastrophenhilfe“ eingeführt, die zu einer Neukonzeption der dafür vorgesehenen Einsatzverbände führte.
Nachdem der Landkreis Erlangen-Höchstadt bislang ein Teilkontingent für das gemeinsame Hilfeleistungskontingent mit der Stadt und dem Landkreis Fürth vorgehalten hatte, wurde im Rahmen der Umsetzung dieser Richtlinie durch die Katastrophenschutzbehörde im Zusammenwirken mit dem Landrat und der Kreisbrandinspektion der Beschluss gefasst, künftig ein eigenständiges Hilfeleistungskontingent vorzuhalten. Gründe dafür waren unter anderem kürzere Entscheidungswege, sowie die in den letzten Jahren aufgrund der guten wirtschaftlichen Situation des Landkreises und seiner Kommunen erfolgte, umfangreiche Ausstattung der gemeindlichen Feuerwehren mit zahlreichen neuen und leistungsfähigen Lösch- und Logistikfahrzeugen.
Technische Neuaufstellung
Während das bisher eingeplante und zahlenmäßig ausreichende Personal weitestgehend übernommen werden konnte, mussten die einzelnen Komponenten des Kontingents hinsichtlich der vorzuhaltenden Fahrzeuge und Gerätschaften neu beplant und die Zustimmung der entsendenden Gemeinden und Städte eingeholt werden. Diese standen dem Vorhaben ebenso ausnahmslos positiv gegenüber, wie der Landkreis mit seinen verschiedenen Organisationsstrukturen. So konnte letztendlich ein Standardkontingent mit folgenden Komponenten aufgestellt werden, die in verschiedenen Stärken und Zusammensetzungen abgerufen und zum Einsatz gebracht werden können:
- Grundkomponente „Führung/Verbindung“
- Grundkomponente „Logistik/Sanitätsdienst“
- Grundkomponente „Personal“ mit insgesamt maximal 4 Löschzügen mit jeweils einem ELW1 oder MZF als Zugführungsfahrzeug und jeweils zwei (Hilfeleistungs-)Löschgruppenfahrzeugen
- Spezialkomponente „Hochwasser/Pumpen“
„Ohne Mampf kein Kampf!“
Zur Standardisierung und Unterstützung aller Abläufe von der Alarmierung über die Anfahrt und den Einsatz vor Ort bis zur Rückkehr in den Heimatlandkreis wurden vom Leiter des Sachgebiets 30 „Öffentliche Sicherheit und Ordnung, Matthias Görz, dessen Mitarbeiter Holger Werner und weiteren Beschäftigten der Dienststelle im Zusammenwirken mit Kreisbrandrat Matthias Rocca und dem Kreisbrandmeister Katastrophenschutz, KBM Josef Simon, in unzähligen Arbeitsstunden etliche Arbeitshilfen und Checklisten erarbeitet und die notwendigen Führungsunterstützungsmittel beschafft. Darüber hinaus wurde beispielsweise auch geplant, von wem im Einsatzfall die Verpflegung der Kräfte für die ersten Tage gestellt wird. Hierzu konnte ein Rahmenvertrag mit dem im Landkreis befindlichen Zentrallager eines großen Discounters in der Gemeinde Adelsdorf abgeschlossen werden, der sicherstellt, dass zu jeder Tages- und Nachtzeit innerhalb kurzer Zeit die benötigten Lebensmittel, Getränke, Hygieneartikel und vieles mehr bereitstehen. Gleichzeitig bot sich das Gelände des Zentrallagers aufgrund seiner großen Verkehrsflächen, sowie der Autobahnnähe als idealer Sammelplatz für die Einheiten des Hilfeleistungskontingents an.
Zivil-militärische Zusammenarbeit integriert
Parallel zur Aufstellung wurde durch das Landratsamt, die Kreisbrandinspektion und dem THW-Ortsverband Baiersdorf eine dreitätige Großübung erarbeitet, bei der alle Abläufe von der Alarmierung über den Fahrzeugmarsch in das Einsatzgebiet bis hin zur Rückkehr an die Standorte realitätsnah trainiert und auf ihre praktische Umsetzbarkeit überprüft werden sollten. Gleichzeitig sollte die zivil-militärische Zusammenarbeit mit dem Kreisverbindungskommando (KVK) Erlangen-Höchstadt geübt werden. Über das KVK unter der Führung von Oberstleutnant d. R. Frank Greif, konnte in Abstimmung mit dem Kasernenkommandanten Oberstleutnant Christoph Peschel die Nutzung einzelner Bereiche auf dem Areal der Röhn-Kaserne Wildflecken erreicht werden. Die einzelnen Komponenten mit Kräften und Fahrzeugen von Wehren, die sich sonst im Realeinsatz so gut wie nie oder nur selten begegnen, sollten dort bei unterschiedlichen Einsatzübungen die Zusammenarbeit trainieren. Ebenso konnte das THW eigene Einsatzmöglichkeiten üben und vertiefen.
Umfangreiches Übungsszenario
Am Nachmittag des 2.Mai 2019 wurde dann das neu aufgestellte Hilfeleistungskontingent durch die Regierung von Mittelfranken zum ersten Mal angefordert, wenn auch nur mit einem Übungsalarm.
Nach der offiziellen Zustimmung zur Entsendung durch Landrat Alexander Tritthart erfolgte am frühen Abend im Landratsamt die Lageausgabe und Einweisung der Führungsdienstgrade des Landkreises durch den Sachgebietsleiter "Öffentliche Sicherheit und Ordnung", Matthias Görz. Danach wurden durch die Abteilungsleiterin „Sicherheit und Ausländerrecht“, Alice Haake, die für den Einsatz außerhalb der Landkreisgrenzen verantwortlichen Führungskräfte schriftlich bestellt.
Anschließend wurden die Kommandanten der eingeplanten Feuerwehren durch die zuständigen Kreisbrandmeister informiert und gleichzeitig die im Landratsamt bevorrateten Feldbetten und Schlafsäcke für die Einsatzkräfte auf Logistikfahrzeuge verladen. Auch wenn diese bei dem Übungsaufenthalt in einer Kaserne, in der feste Unterkünfte mit Betten und Bettwäsche zur Verfügung standen, eigentlich nicht benötigt wurden, wollte man damit natürlich den tatsächlichen Platzbedarf in den Fahrzeugen feststellen und das logistische Handling praktizieren.
Während der stellvertretende Kontingentführer, KBI Jürgen Schwab, mit einem Vorauskommando am frühen Morgen des 3.Mai zur Erkundung der Anfahrtswege und der Lage im "Katastrophengebiet" aufbrach, wurde im Landratsamt durch die in kleiner Besetzung mit eingebundene Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) der Marschbefehl erstellt. Am Nachmittag sammelten sich dann die eingeplanten Einheiten in Adelsdorf. Dort wurde die persönliche Ausrüstung der Einsatzkräfte und die Marschverpflegung auf die Logistikfahrzeuge verladen, sowie die Flaggensätze für die Fahrzeuge ausgegeben, bevor die Kräfte dann unter dem Kommando des Kontingentführers, KBI Stefan Brunner, begleitet von Holger Werner als Verwaltungsführer und Vertreter des Landratsamtes, mit über 30 Fahrzeugen und zwei Booten in die Rhön verlegten. Neben den regulären Komponenten des Hilfeleistungskontingents, des THW-OV Baiersdorf und den Kräften des KVK Erlangen-Höchstadt nahmen auch der ABC-Zug des Landkreises, die Flughelfergruppe der FF Herzogenaurach und die Polizeihubschrauberstaffel Bayern am großangelegten Übungsvorhaben teil.
Nach knapp drei Stunden Fahrzeugmarsch auf Autobahnen und Landstraßen, sowie einem abschließenden Tankstopp wurde die Rhön-Kaserne erreicht, wo zunächst die Unterkünfte bezogen werden konnten, bevor es zum gemeinsamen Abendessen in der Truppenküche ging. Diese wurde für die Dauer der Übung durch die Verpflegungskomponente des Feuerwehr-Hilfeleistungskontingents des Landkreises Bad Kissingen, welches ebenfalls zum ersten Mal in dieser Zusammensetzung übte, hervorragend bewirtschaftet.
Am ersten Abend begrüßten dann Sachgebietsleiter Matthias Görz und Kreisbrandrat Matthias Rocca die 260 Übungsteilnehmer/innen offiziell in Wildflecken und führten sie in den angedachten Übungsverlauf ein, bevor durch Stabsfeldwebel Markus Bug von der Truppenübungsplatzkommandantur die Verhaltensanweisungen im Bereich einer militärischen Anlage vermittelt und die Geschichte sowie die Organisation und Nutzung des Truppenübungsplatzes vorgestellt wurden. Noch am selben Abend führten die Helfer des THW-OV Baiersdorf eine Nachtübung durch.
Schneesturm im Mai
Am Samstag standen dann für alle vier Löschzüge des Kontingents im Rotationsverfahren jeweils acht Einsatzübungen entweder in Zug- oder Gruppenstärke an. Bei winterlichen Verhältnissen mit starken Schneefällen und Wind, war an manchen Stationen die Übungsdurchführung deutlich erschwert. Trotzdem konnte der aufwendige und interessante Ausbildungsplan weitestgehend eingehalten werden. Das großflächige und mit vielen Übungsgebäuden versehene Kasernengelände bot dazu mannigfaltige Möglichkeiten:
An einer Station mussten im Rahmen einer Pumpenübung Teile des auf einem Abrollbehälter verlasteten „Mobilen Gerätesatzes Hochwasser“ des Landkreises eingesetzt werden. An der zweiten Übungsstelle wurde unter der Anleitung von Helfern des THW ein wasserdichter Sandsackverbau trainiert, daneben stand eine Geländefahrt mit den Einsatzfahrzeugen zur Erkundung auf dem Programm. Was bei sommerlichen Temperaturen der vorherigen Tage sicherlich ein Highlight gewesen wäre, stellte sich im Schneesturm als Herausforderung heraus: Das erste Mal mit zwei Flachwasser-Schubbooten in einem dafür gut geeigneten Gewässer zu steuern und zu arbeiten war deutlich schwieriger, als von vielen zuvor angenommen. Damit es nicht zu kalt wurde, standen für alle Züge auch zwei „Brandeinsätze“ auf dem Programm: Neben einem Wohnungsbrand mit Personenrettung im 2. Obergeschoß, der ohne Drehleiter abgearbeitet werden musste, galt es auch, einen Werkstattbrand mit gefährlichen Stoffen im Brandraum zu meistern. Hierbei stellte auch der ABC-Zug des Landkreises seine Dekontaminationsmöglichkeiten vor, wobei die Mitglieder dieser Einheit selbst auch mit weiteren Bestandteilen ihrer umfangreichen Spezialausrüstung übten.
Absoluter Höhepunkt waren die Waldbrandübungen im Zusammenwirken mit einem Hubschrauber der Bayerischen Polizeihubschrauberstaffel aus Roth und der Flughelfergruppe der FF Herzogenaurach: Hier wurde nach einer entsprechenden Ersteinweisung am Fluggerät nicht nur ein kombinierter Löschangriff vom Boden und aus der Luft durchgeführt, sondern den Übungsteilnehmern auch weitere Einsatzmöglichkeiten des Helikopters, z.B. zur Personenrettung mit der Seilwinde und zum Materialtransport vorgestellt. Weder Schneefall mit geringer Sichtweite noch starker Wind konnten die Besatzung des Hubschraubers davon abhalten, in die Rhön zu kommen und das Übungsvorhaben zu unterstützen, wofür ihr der besondere Dank aller Beteiligten galt.
Koordiniert wurden die Übungen aus einem Stabsraum heraus, der von der Unterstützungsgruppe „Örtliche Einsatzleitung“ (UG-ÖEL) unter der Regie von Kontingentführer KBI Stefan Brunner sowie KBM „Katastrophenschutz“ Josef Simon und KBM „IuK“ Jens Hammerl betrieben wurde. Ein Mitarbeiter der „Autorisierten Stelle Bayern Digitalfunk“ überwachte dabei die Auslastung der Funkzellen, damit es durch die Übung nicht zu Engpässen des Funknetzes im Bereich der ILS Schweinfurt komme. Hierzu waren bereits im Vorfeld der Übung umfangreiche Planungen und Abstimmungen hinsichtlich der erforderlichen Gruppen im TMO- und DMO-Modus notwendig.
Die Logistikkomponente sorgte zwischen den Übungen für kleine Snacks sowie Heiß- und Kaltgetränke für die Einheiten, während die sanitätsdienstliche Absicherung durch die First Responder der Feuerwehr Baiersdorf erfolgte, für die ebenfalls eine Übungslage einschließlich „ambulanter Versorgung eines Leichtverletzten“ im Krankenhaus Bad Brückenau eingearbeitet wurde. Der THW-OV Baiersdorf hatte für die eigenen Kräfte Ausbildungsstationen vorbereitet, zu denen beispielsweise das Abstützen einer Hauswand sowie das Anheben und Bewegen eines Transportpanzers „Fuchs“ gehörten.
Während der Übungen stattete auch Landrat Alexander Tritthart in Begleitung von Kreisbrandrat Matthias Rocca den einzelnen Stationen einen Besuch ab und zollte den Dienstleistenden Frauen und Männern mit witterungsbedingt hochgeklapptem Mantelkragen seinen höchsten Respekt. Auch Vertreter der Regierung von Mittelfranken verschafften sich einen Überblick über die Leistungsfähigkeit des neuen Kontingents, bevor nach dem Übungswochenende offiziell dessen Einsatzbereitschaft festgestellt wurde.
Nach erfolgreichem Übungsabschluss wurden dann im Rahmen eines Kameradschaftsabends mehrere Personen vom Landkreis für ihre überdurchschnittlichen Leistungen bei der Vorbereitung und Durchführung der Großübung ausgezeichnet. So wurde der Leiter des ABC-Dienstes, KBI Norbert Rauch, vom Fachleiter ABC des Verbandes der Reservisten deutscher Bundeswehr (VdRBw), Prof. Dr. Friedwart Lender, für seine hervorragende Arbeit im ABC-Wesen geehrt. Sachgebietsleiter Matthias Görz überreichte an Holger Werner, KBM Josef Simon und Oberstleutnant d.R. Frank Greif die Ehrenmedaille und eine Urkunde des Landkreises. Stabsfeldwebel Markus Bug erhielt als Vertreter der Truppenübungsplatzkommandantur besondere Auszeichnungen der Kreisbrandinspektion und des KVK Erlangen-Höchstadt für seine hervorragende Unterstützung bei der Planung und Durchführung dieser Großübung.
Am Sonntagmorgen stand dann die Rückverlegung des Kontingents in einem geschlossenen Verband und einem letzten Tankstopp in Adelsdorf auf dem Programm, bevor die einzelnen Kräfte am frühen Nachmittag an ihre Standorte zurückkehren konnten.
Mehrere Nachbesprechungen führten zur Erkenntnis, dass sich die intensiven Vorbereitungen gelohnt hatten und nur wenige kleine, zwischenzeitlich erfolgte Verbesserungen im organisatorischen Ablauf des Kontingenteinsatzes erforderlich waren. Auch die kameradschaftliche Zusammenarbeit der Kräfte untereinander ist besonders hervorzuheben, so dass dem ersten Ernstfall, auch wenn er am besten nie notwendig werden sollte, nichts mehr im Wege steht.
Text: Stefan Brunner, KBI und Stellv. Kreisbrandrat des Landkreises Erlangen-Höchstadt
Bilder: Sebastian Weber, Pressesprecher der Kreisbrandinspektion Erlangen-Höchstadt